„YES“ – Brüssel in Flammen

Das Young Engineers Seminar (YES) der EUREL organisiert durch das YoungNet.

Hunderte von PKW, Linienbussen und LKW reihten sich stillstehend am 22.09.11 in Richtung des Parlamentsviertels in Brüssel aneinander. Zunächst schien es, als türme sich die Blechkolonne wie gewohnt zur Rushhour auf. Als das Team der Jungingenieure und Studenten jedoch die Belliardstraat unweit des Troontunnels kreuzte, erblickten sie ein auf der Straße loderndes Feuer, dessen schwarze Rauchschwaden zwischen den Bürogebäuden emporkrochen.

Rauchwolken in Brüssel.
Rauchwolken in Brüssel.

 

Zunächst befürchtete man, angelehnt an kürzeste Ereignisse, eine Autobombe oder einen Anschlag auf ansässige politische Persönlichkeiten und setzte mit einem fahlen Beigeschmack den Fußweg in Richtung des VDE Office im Parlamentsviertel fort.

Selbst die örtliche Polizei hatte Schwierigkeiten, sich ihren Weg durch die Blechmassen zu bahnen. Reagiert man in Deutschland doch sehr zeitnah, sind die Brüsseler augenscheinlich auch in Ausnahmesituationen ein sehr gelassenes Völkchen, das Wert auf Individualität auch im Straßenverkehr legt. Die blockierenden Verkehrsteilnehmer gaben den Weg erst auf persönliche Ansprache über die Lautsprecheranlage des Polizeifahrzeuges frei. So war auch zu beobachten, dass eine Ambulanz im Noteinsatz sich sogar ihr durch Beschilderung gegebenes Vorfahrtsrecht hat abnehmen lassen müssen, um weitere Schäden abzuwenden.

Kurz vor Erreichen der Seminarörtlichkeit stellte sich heraus, dass die Feuer professionellen Ursprunges seien. Die Fachkräfte der Brüsseler Straßenreinigung demonstrierten mit systematisch angelegten Bränden gegen die geplante Zusammenlegung der Verwaltung der bisher bezirksweise organisierten Straßenreinigung und Müllentsorgung. Sie verhielten sich den Passanten gegenüber höflich und türmten die zu verbrennenden Müllberge behutsam auf.

Das Team der Jungingenieure und Studenten  in Brüssel.
Das Team der Jungingenieure und Studenten
in Brüssel.
Nach der Begrüßung und Einführung in die Tätigkeitsfelder des europäischen Zusammenschlusses der nationalen elek­trotechnischen Berufsverbände aus elf Mitgliedsstaaten der EU nahmen die Nachwuchsingenieure der fünf teilnehmenden Länder an ausgewählten englischsprachigen Seminaren teil.

Die Gebäudeeffizienz in Europa wurde von verschiedenen Standpunkten aus beleuchtet. Betrachtet man die mittlere Energieeffizienz der Wohn- und Nutzgebäude in ganz Europa und deren Gesamtfläche mit etwa der Größe von Belgien, so ergibt sich ein ungeheures Einsparpotenzial. Die Jungingenieure erhielten punktuell wertvolle Einblicke in die Grundlagen der passiven und aktiven Energienutzung in Gebäuden sowie in die Rahmenbedingungen der energieeffizienten Umstrukturierung bestehender Liegenschaften. In Belgien beispielsweise besteht die Möglichkeit zur steuerlichen Anrechnung der Aufwertung erst seit Kurzem. Auch der Wissenstransfer bis in die ausführende Schicht wurde als ausbaufähig bewertet.

Zur Elektromobilität in Europa wurde eine Studie präsentiert, deren Teilnehmer anfängliche Bedenken und Skepsis nach der alltäglichen Nutzung verschiedener Typen von Elektroautos gemildert wurden. Vor allem das Vertrauen in die Reichweite der Fahrzeuge sei nach einigen Tagen gestärkt worden.
Das Patentrecht in Europa und weltweit wurde unter dem interessanten Aspekt des Wissenstransfers und der Zusammenarbeit großer Konzerne mit Kreuzlizenzierung dargestellt. Die Jungingenieure erhielten vom Vortragenden lehrreiche Tipps im Umgang mit eigenen Entwicklungen. Besonders diskutiert wurde die Richtlinie zur „Computerimplementierten Erfindung“, die im Mai 2000 eingeführt wurde.

Zu guter Letzt erörterte man Grundsätze, Risiken und Aussichten der europäischen Zusammenarbeit in Brüssel, Straßburg und Luxemburg und deren formelle und informelle Struktur. Am Place du Luxembourg, in Sichtweite des Europaparlaments konnten sich die angehenden Ingenieure unter das Publikum mischen. Der so genannte „Flirt Square“ wird täglich von allen Schichten der Gesellschaft heimgesucht. Hier treffen Parlamentarier in Nadelstreifenanzug und Gäste in Rockerkluft zum politischen Disput bei Wein, Bier und Softdrinks aufeinander, um ihr Netzwerk zu pflegen und zu erweitern.

Auch das Rahmenprogramm des Seminars erlaubte es, dass sich die Teilnehmer über die nationalen Strukturen ihrer elektrotechnischen Verbände austauschten und näher kennenlernten. Der Unterschied der Stellenwerte in Bachelor-, Master- und Diplomgraden der europäischen Bildungssysteme trotz und nach der Vereinheitlichung ist beeindruckend. Eine erneute Beteiligung der Mitglieder der VDE Hochschulgruppe Lübeck im folgenden Jahr ist wahrscheinlich. <<

 

Oliver Urbanik, Robert S. Dunker